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29C3-Nachlese

Was passiert, wenn man unter einem Haufen Nerds einen Stapel bunter Kärtchen verteilt? Richtig: Sie machen ein Spiel draus. Kärtchen verteilen. Kärtchen sammeln. Toll! Das Creepercard-Desaster war insofern völlig vorhersehbar.

An dieser Stelle deshalb ein bitter-ironisches Danke an die Leute, die sich das ausgedacht haben. Danke, dass ihr alle männlichen Anwesenden so eindringlich und ausgiebig erinnert habt, dass es da noch dieses „andere Geschlecht“ gibt. Dass man mit diesem anderen Geschlecht anders umgehen muss und aufpassen, das man wegen einer aufgehaltenen Tür keinen Schlag ins Gesicht bzw. eine rote Karte bekommt. Dass ihr alle weibliche Anwesenden zu dauernden Stellungnahmen zu diesen Karten genötigt habt. Dass ihr alle weiblichen Anwesenden unter den Generalverdacht gestellt habt, radikale Feministinnen zu sein. Und das in einer Kultur, in der es früher im Vergleich zur „Normalgesellschaft“ erstaunlich wenig gezählt hat, ob man Man, Frau oder transsexuelles Eichhörnchen ist. Einer Kultur, in der Männer in Röcken, lila Pluderhosen or whatever herumspazieren können, ohne blöd angemacht zu werden. Einer Kultur, in der ich so akzeptiert wurde, wie ich bin, ohne mich zurechtmachen zu müssen, ohne mich verbiegen oder verstellen zu müssen. Ich werde glaub ich nie das Gefühl auf meinem allerersten CCC-Kongress vergessen: Du bist ja gar nicht allein. Da sind tatsächlich hunderte. Wie du. Hey, und einige sind sogar weiblich.

Ein wesentlicher Teil meiner Congresszeit ging diesmal für Schadensbegrenzung drauf, d.h. für unzählige Gespräche der Form: „ja, völlig bescheuert dieses Kärtchenverteilen, aber die Probleme sind real. Nein, Feminismus ist nicht überholt, sondern gesellschaftliche Diskriminierung findet statt und der Kampf dagegen ist auch in Deutschland noch lange nicht zu Ende. Ja, als Frau wird man anders behandelt/wird anders mit einem geredet. Ja, es ist nervig, wenn du, weil du eine Frau bist, ständig technische Erklärungen auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes erhältst. Es nervt auch, wenn man dir, weil du eine Frau bist, ständig Dinge erklärt, die du gar nicht gefragt hast („blablabla Assembler – also das ist so eine Maschinensprache – bla“ „Jaaa, ich weiß was Assembler ist. Danke.“) Am besten noch falsch erklärt. Ja, ich hab selbst auf Konferenzen schon sexuelle Belästigung erlebt (allerdings genau einmal und das nicht auf einem CCC-Kongress).

Und ein nicht-ironisches, sondern von Herzen kommendes Danke an die Organisatoren, dass sie für eine wunderbar starke Frauenpräsenz auf dem Podium gesorgt haben, und das gerade auch bei den technischen Themen, und damit der feministischen Sache wesentlich mehr geholfen haben als die Kärtchenverteiler.

Zuletzt noch ein persönliches Dankeschön an die Leute, die den Junghackertag organisiert haben, wo neben vielen Kindern auch viele Frauen erste Löterfahrungen sammeln konnten.

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Traktorfahrerinnen? Sowas gibt es doch gar nicht…

Nach dem Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe wende ich mich heute mal an einen bekannten Spielzeughersteller, die Firma Siku. Siku hat sich auf die Produktion von Automodellen und Traktoren spezialisiert und hat offenbar eine sehr spezielle Vorstellung von ihrer Zielgruppe. Kleine, traktorenbegeisterte Mädels fallen da nicht drunter.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Warum bieten Sie auf
http://www.siku.de/de/shop/sikuparts/1/traktorfahrer.html
eigentlich sechs bis auf die Kleidungsfarben identische Traktorfahrer an, aber keine einzige Traktorfahrerin?

Und im Anschluss daran die Frage: Sind auf Ihrer Website eigentlich wirklich keine spielenden Mädchen abgebildet oder habe ich einfach nicht lange genug gesucht?

Meine Tochter hat, als sie jünger war, gerne mit ihren Traktoren gespielt, das lässt aber jetzt, wo sie von allen Seiten damit konfrontiert wird, was „Jungen-“ und was „Mädchen“-Sachen sind, deutlich nach.

mit freundlichen Grüßen,

Gemeingeheim

 

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Sternstunden der Gerechtigkeit: Die Oma-Prämie ist da!

Jana ist ein glückliches Kind. Sie hat zwei rüstige Omas, die praktischerweise auch in der Nähe wohnen und sich gerne und liebevoll um sie kümmern, damit ihre Mutter wieder arbeiten kann.
Deshalb bekommt Jana von der Bundesregierung ab August 2013 100 Euro Oma-Prämie im Monat.

Philipp ist nicht ganz so glücklich. Seine Eltern verdienen so viel, dass sie sich ein Kindermädchen für ihn leisten können, das den ganzen Tag für ihn da ist, während seine Eltern arbeiten.
Deshalb bekommt Philipp von der Bundesregierung ab August 2013 100 Euro Kindermädchen-Prämie im Monat. Weil sie das Geld sowieso nicht brauchen und es deshalb für Philipp auf die hohe Kante legen, legt die Bundesregierung auch gleich noch 15 Euro drauf.

Luise ist kein glückliches Kind. Ihre Mama sitzt den ganzen Tag allein mit ihr zuhause rum. Mit leerem Gesicht und einer postnatalen Depression, die keiner so recht mitkriegt. Zum Trost bekommt Luise von der Bundesregierung ab August 2013 100 Euro Mama-Prämie im Monat.

Kevin kriegt nix. Seine Hart-IV-Loser-Eltern sollen sich erstmal einen Job suchen.

Anna kriegt auch nix. Dafür muss sie fünf Tage die Woche für lange Stunden mit 9 anderen Kindern in die Kita, weil ihre Eltern mit einem Gehalt finanziell nicht über die Runden kommen. Da machen die 300 Euro, die von Mamas Teilzeitgehalt nach Abzug der Kita-Kosten übrig bleiben, den entscheidenden Unterschied.

Ganz ehrlich: es will mir nicht in den Sinn, wie jemand ein dermaßen unfaires Gesetz beschließen kann. von der ganzen mütter-zurück-an-den-herd-problematik mal abgesehen. Aber darüber schreib ich wann ander mal.

Zum Betreuungsgeld anderswo:

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„Und dann stand sie still und stumm…

…in der Autowerkstatt rum.“

Zum Einstand dieses Blogs ein offener Brief an den Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich möchte sie darauf aufmerksam machen, dass bei den Projekten auf Ihrer Website www.autoberufe.de unter dem Abschnitt „Kampagne Girls ans Auto“ der Abschnitt „Kampagne Mädels raus aus der Werkstatt“ fehlt.

Beim Kinderarzt wurde mir heute zum Vorlesen ein harmlos aussehendes Pixibüchlein mit dem Titel  „Unsere Autowerkstatt“ in die Hand gedrückt. Verfasserin ist eine gewisse Julia Hofmann, die Bilder stammen von einem Alfred Neuwald. Erschienen im Carlsen-Verlag als Sonderausgabe für den Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Auf der letzten Seite prangen die Logos von über 30 bekannten Automarken, darunter erfahre ich, dass ich hier ein Schrifterzeugnis der „Nachwuchsförderung im Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe“ in Händen halte.

Na sei’s drum, dann lesen wir mal:
„Heute ist ein großer Tag für Moritz und Lena“ – aha, es gibt wohl zwei Hauptpersonen, zwei Geschwister. Die Familie will in Urlaub fahren, aber zuerst muss das Auto noch von der Inspektion geholt werden. Das macht selbstverständlich Papa, während Mama wohl zuhause bleibt und Koffer packt. „Wer kommt mit […]?“ fragt Papa. Im nächsten Bild sieht man ihn mit Lena an der Hand ihres Vaters und Moritz vor der Autowerkstatt. Offenbar haben sich also beide Kinder entschlossen, mitzukommen. Dort erwartet sie ein gewisser Marko. Nach ein wenig einleitendem Geplauder und einmal Umblättern kommt sie dann, die Frage:
„Willst du dir mal unsere Werkstatt ansehen?“ fragt Marko den Jungen.“ Ja genau. Völlig richtig gelesen. Da spazieren zwei Kinder in eine Autowerkstatt, aber das eine, Lena, ist für Marko völlig Luft. Wird nicht zur Kenntnis genommen.
In der abgebildeten Werkstatt sehen wir dann viele männliche Mechaniker bei der Arbeit oder im Gespräch mit männlichen Kunden, erkennbar durch Anzug statt Latzhose.
Auf den folgenden Seiten stellt Moritz viele neugierige Fragen und erhält ausführliche Erklärungen von Marko. Fünf Seiten weiter ist Lena plötzlich wieder mit im Bild. Moritz steht unter einer Hebebühne, ihm zugewandt zeigt Marko die Bremsscheibe an der Vorderachse. Hinter ihm, mitten in der Werkstatt steht Lena völlig allein und fasst sich mit einem Finger an den Mund.
Auf der nächsten Seite kommt eine weitere Figur ins Spiel, Jonas der Lehrling. Lena steht hier am Bildrand und berührt den Schlauch für die Abgasuntersuchung, während Marko Moritz erklärt, was Jonas macht.
Nächstes Bild ist wieder ohne Lena, dafür mit Moritz und vier männlichen Mechanikern. Moritz staunt, was sich alles so in einer Autotür verbirgt.
Fünf Seiten vor Schluss wird Lena dann tatsächlich auch im Text erwähnt, nämlich als sich der Aufbruch nähert. Sie „klettert in ihren Kindersitz“.
Moritz und Marko diskutieren noch schnell, warum man sich anschnallen muss und was ein Airbag ist (Marko zu Moritz: „hier hab ich so ein Airbag-Luftkissen, das dich wie ein Kuschelkissen auffängt“) und dann kommt das schockierende: Sie werden unterbrochen. Lena kann sprechen! In ganzen Sätzen! „Ein Kuschelkissen? Das will ich sehen!“ Tja, zu spät, liebe Lena, die Werkstatt-Tour ist leider schon vorbei. Aber tröste dich: in zehn Jahren, wenn du dreizehn oder vierzehn bist, dann organisiert der Verband der Automobilindustrie extra für dich einen Girls Day.

Und jetzt nochmals im Ernst: mit drei, vier, fünf Jahren – genau der Alterszielgruppe dieses Buchs – beschäftigen sich Kinder zuerst mit Geschlechterrollen. Sie lernen aus ihrer Umgebung, was Jungensache und was Mädchensache ist. Jungs identifizieren sich in Büchern mit männlichen Protagonisten, Mädchen mit weiblichen. Mit Ihrer Publikation – ich entnehme Ihrer Website, dass diese seit 2005 in Umlauf ist – haben Sie einen großartigen Beitrag dazu geleistet, der jetzt aufwachsenden Mädchen-Generation in Ihrer prägendsten Phase einzuimpfen, dass sie in einer Autowerkstatt als Kundin wie als Handwerkerin nichts zu suchen haben.

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