„Und dann stand sie still und stumm…

…in der Autowerkstatt rum.“

Zum Einstand dieses Blogs ein offener Brief an den Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich möchte sie darauf aufmerksam machen, dass bei den Projekten auf Ihrer Website www.autoberufe.de unter dem Abschnitt „Kampagne Girls ans Auto“ der Abschnitt „Kampagne Mädels raus aus der Werkstatt“ fehlt.

Beim Kinderarzt wurde mir heute zum Vorlesen ein harmlos aussehendes Pixibüchlein mit dem Titel  „Unsere Autowerkstatt“ in die Hand gedrückt. Verfasserin ist eine gewisse Julia Hofmann, die Bilder stammen von einem Alfred Neuwald. Erschienen im Carlsen-Verlag als Sonderausgabe für den Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Auf der letzten Seite prangen die Logos von über 30 bekannten Automarken, darunter erfahre ich, dass ich hier ein Schrifterzeugnis der „Nachwuchsförderung im Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe“ in Händen halte.

Na sei’s drum, dann lesen wir mal:
„Heute ist ein großer Tag für Moritz und Lena“ – aha, es gibt wohl zwei Hauptpersonen, zwei Geschwister. Die Familie will in Urlaub fahren, aber zuerst muss das Auto noch von der Inspektion geholt werden. Das macht selbstverständlich Papa, während Mama wohl zuhause bleibt und Koffer packt. „Wer kommt mit […]?“ fragt Papa. Im nächsten Bild sieht man ihn mit Lena an der Hand ihres Vaters und Moritz vor der Autowerkstatt. Offenbar haben sich also beide Kinder entschlossen, mitzukommen. Dort erwartet sie ein gewisser Marko. Nach ein wenig einleitendem Geplauder und einmal Umblättern kommt sie dann, die Frage:
„Willst du dir mal unsere Werkstatt ansehen?“ fragt Marko den Jungen.“ Ja genau. Völlig richtig gelesen. Da spazieren zwei Kinder in eine Autowerkstatt, aber das eine, Lena, ist für Marko völlig Luft. Wird nicht zur Kenntnis genommen.
In der abgebildeten Werkstatt sehen wir dann viele männliche Mechaniker bei der Arbeit oder im Gespräch mit männlichen Kunden, erkennbar durch Anzug statt Latzhose.
Auf den folgenden Seiten stellt Moritz viele neugierige Fragen und erhält ausführliche Erklärungen von Marko. Fünf Seiten weiter ist Lena plötzlich wieder mit im Bild. Moritz steht unter einer Hebebühne, ihm zugewandt zeigt Marko die Bremsscheibe an der Vorderachse. Hinter ihm, mitten in der Werkstatt steht Lena völlig allein und fasst sich mit einem Finger an den Mund.
Auf der nächsten Seite kommt eine weitere Figur ins Spiel, Jonas der Lehrling. Lena steht hier am Bildrand und berührt den Schlauch für die Abgasuntersuchung, während Marko Moritz erklärt, was Jonas macht.
Nächstes Bild ist wieder ohne Lena, dafür mit Moritz und vier männlichen Mechanikern. Moritz staunt, was sich alles so in einer Autotür verbirgt.
Fünf Seiten vor Schluss wird Lena dann tatsächlich auch im Text erwähnt, nämlich als sich der Aufbruch nähert. Sie „klettert in ihren Kindersitz“.
Moritz und Marko diskutieren noch schnell, warum man sich anschnallen muss und was ein Airbag ist (Marko zu Moritz: „hier hab ich so ein Airbag-Luftkissen, das dich wie ein Kuschelkissen auffängt“) und dann kommt das schockierende: Sie werden unterbrochen. Lena kann sprechen! In ganzen Sätzen! „Ein Kuschelkissen? Das will ich sehen!“ Tja, zu spät, liebe Lena, die Werkstatt-Tour ist leider schon vorbei. Aber tröste dich: in zehn Jahren, wenn du dreizehn oder vierzehn bist, dann organisiert der Verband der Automobilindustrie extra für dich einen Girls Day.

Und jetzt nochmals im Ernst: mit drei, vier, fünf Jahren – genau der Alterszielgruppe dieses Buchs – beschäftigen sich Kinder zuerst mit Geschlechterrollen. Sie lernen aus ihrer Umgebung, was Jungensache und was Mädchensache ist. Jungs identifizieren sich in Büchern mit männlichen Protagonisten, Mädchen mit weiblichen. Mit Ihrer Publikation – ich entnehme Ihrer Website, dass diese seit 2005 in Umlauf ist – haben Sie einen großartigen Beitrag dazu geleistet, der jetzt aufwachsenden Mädchen-Generation in Ihrer prägendsten Phase einzuimpfen, dass sie in einer Autowerkstatt als Kundin wie als Handwerkerin nichts zu suchen haben.

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